Neue Fragen neue Antworten

Patrik Brinkmann zum Thema Preußentum und Islam
Die Entwicklung meiner Heimat- und Vaterländer, Schweden und Deutschland und damit auch die Lebensfragen des Kontinents Europa bewegen mich seit meiner frühesten Jugend – vielleicht gerade, weil ich im Spannungsfeld zweier Länder aufgewachsen bin, deren kultureller Hintergrund noch sehr nahe beieinander liegen und die doch trotzdem, besonders nach dem letzten Weltkrieg, vieles trennt. Hier wie dort sieht man jedoch, dass auf die existentiellen Fragen, also die Fragen, deren Antworten das Überleben einer Kultur sichern, kaum wirklich tragfähige Antworten gefunden werden. Das liegt sicher auch an einer gewissen Erstarrung des geistigen und politischen Lebens, aber auch an einer Weiterentwicklung von Dekadenz, die sich nur allzu oft auf Nebenfelder verlegt und vom Wichtigen ablenkt.
Ich hatte bereits im letzten Jahr gesagt, dass sich eine geistige und politische Neuerungsbewegung daran messen lassen muss, ob sie nur zur Verteidigung des eigenen dekadenten Lebensstils in den politischen Ring steigt, oder ob sie wirklich die Werte des Abendlandes zu verteidigen bereit ist. Weil ein großer Teil der islamkritischen Szene hauptsächlich das erste will, daran habe ich keinen Zweifel gelassen, und keinerlei Interesse an der eigenen Identität hat, bin ich zunehmend skeptisch geworden, ob man diese Haltung uneingeschränkt unterstützen kann. Eine klare Positionierung, aber auch das eigene Beispiel fehlt zu häufig. Selbstverständlich, die Bewahrung des eigenen setzt Voraus, dass man sich gegen etwas anderes abgrenzt.
So habe ich meinen „Kreuzzug für das Abendland“ verstanden, den ich im Rahmen eines Wahlkampfes der BÜRGERBEWEGUNG PRO NRW ins Leben gerufen habe. Als Vertreter des Abendlandes stehe ich für meine Werte. Allerdings, und das ist ein Aspekt, der eigentlich auf jede Konfrontation folgen müsste: Als Vertreter des Abendlandes darf ich, trotz allen Antagonismus der unsere Wertvorstellungen trennt, allerdings den Respekt nicht verlieren. Denn auch Anstand ist ein Wert, den wir verteidigen wollen gegen die linken Kulturrelativierer. Diesen Respekt gab es auch historisch in den Eliten von Morgen- und Abendland.
Selbstverständlich aber nicht dort, wo lediglich niedrige Instinkte regieren.
Was mich aber vor allem stört, das ist die Tatsache, dass heute vor allem niedrige Instinkte in der großen wie der kleinen Politik regieren. Die westlichen Gesellschaften haben zu allererst ihre Sinnkrise zu lösen, sie haben zu allererst sich wieder auf ihr Wertefundament  zu besinnen – vor allem dann, wenn sie in eine kulturelle Auseinandersetzung treten wollen. Friedrich der Große, dessen 300. Geburtstag wir in diesen Tagen feiern, hat das einmal treffend ausgedrückt: „Nichts ist wahrer und handgreiflicher, als dass die Gesellschaft nicht bestehen kann, wenn ihre Mitglieder keine Tugend, keine guten Sitten besitzen. Sittenverderbnis, herausfordernde Frechheit des Lasters, Verachtung der Tugend und derer, die sie ehren, Mangel an Redlichkeit im Handel und Wandel, Meineid, Treulosigkeit, Eigennutz statt Gemeinsinn – das sind die Vorboten des Verfalls der Staaten und des Untergangs der Reiche. Denn sobald die Begriffe von Gut und Böse verworfen werden, gibt es weder Lob noch Tadel, weder Lohn noch Strafe mehr.“
Bevor wir nicht selbst solche Zustände, in denen wir heute leben, überwinden können, kann es gar keinen Kreuzzug geben. Das wird mir heute immer klarer. Dazu gehört die Überwindung der Dekadenz und in deren Gefolge aber auch die Erinnerung an das, was die abendländische Kultur stark gemacht hat. Und dazu gehört eine wahre Humanität. Friedrich der Große brachte auch diese Frage auf den Punkt: „Die erste Tugend jedes ehrenwerten Menschen und, wie ich glaube, auch jedes Christen – lassen Sie mich hinzufügen: auch jedes Muslims -, muss die Humanität sein. Die Stimme der Natur, die die Grundlage der Humanität ist, will, dass wir uns alle lieben und wechselseitig unser Wohlergehen fördern. Das ist meine Religion.“
Nun mag man zurecht einwenden, die Situation habe sich in den letzten 300 Jahren verändert, denn damals handelte es sich um eine andere Zahl von Fremden – obwohl, wie ich kürzlich in einem Aufsatz erinnerte: Die Kolonisierung des polnischen geprägten Westpreußens erfolgte gerade weil Friedrich keine Repression benutzte, um die neuen Bürger von seiner Sache zu überzeugen. Dass wir heute in Großstädten mit anderen Problemen konfrontiert sind, stimmt sicherlich. Die haben wir uns aber, das muss man einmal hart sagen, durch unsere eigene Substanzlosigkeit selbst zuzuschreiben. Eine Humanität Friedrichs des Großen ließe auch keine Islamisierung zu. Sie verankert aber den Respekt vor dem Anderen. Es ist so, wie ich es schon im letzten Jahr gesagt habe: Der neue Griff zum Preußentum hält auch neue Antworten für die Kontroverse zwischen Islam und europäischer Kultur bereit. Wir werden keinen Schritt weiterkommen, wenn wir uns nur gegen den Islam wenden, indem wir ihn, kurz gesagt, schlecht machen.  Eine Bestandsaufnahme, was beide Kulturen trennt, so wie wir es in den Buch Inch-Allah getan haben ist trotzdem richtig. Die Bestandsaufnahme ist immer Voraussetzung für alles Handeln.
Wir werden nur einen Schritt weiterkommen, wenn wir preußisch denken. Dem großen Friedrich war es egal, was jemand geglaubt hat, wenn er nur seinen Steuergroschen zahlt und seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkommt. Der Verweis, dass der Islam nicht zwischen Staat und Kirche trennt, ist sicher richtig und bleibt. Wie alles in der Welt handelt es sich hierbei aber um eine Frage der Stärke. Eine Kultur, die nicht durch Dekadenz angefressen ist, hat soviel Immunkräfte, um andere Wertvorstellungen zu überleben. Wir sehen auch in Israel oder in den USA, dass das möglich ist. Dort gibt es das Problem der Islamisierung nicht so wie in Europa. Selbstverständlich wird es Moscheen geben müssen in Europa. Diese werden aber keinen Dominanzanspruch verkörpern dürfen. Für eine gesunde Kultur wäre da noch nicht einmal eine Frage.
Die Auseinandersetzung mit dem Islam sollte also im Zeichen der eigenen Stärke erfolgen. Er kann und muss konstatieren, was eint und was trennt – auch hierfür hat es einen offenen Dialog zu geben, und er muss dann offensiv und selbstbewusst geführt werden. Auch der Islam und seine Gläubigen werden nur dann Respekt vor dem Abendland haben, wenn dieses seine eigenen Wertvorstellungen lebt. Ich habe manchmal den Eindruck, als wären wir in Deutschland und Europa noch gar nicht reif für eine solche, wirkliche Auseinandersetzung.
Im Juni 1740 verfügte Friedrich II.: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn die Türken (…) kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen (…) bauen“.Unter ihm kam es zur Aufstellung geschlossener Muslimischer Truppenteile in der preußischen Armee: Muslimische Reiter nahmen an einer Reihe von Gefechten teil, so 1757 bei Groß-Jagersdorf, 1758 bei Zorndorf, 1759 bei Kay, am 8. Juli 1761 bei Lubien, am 21. Juli 1762 bei Burkersdorf und am 16. August desselben Jahres bei Reichenborn. Wie es in den Urkunden heißt, fanden die Muslimischen Reiter nach der Wiederherstellung des Regiments bei der Revue 1772 „den vollen Beifall des Königs“. Solche historischen Beispiele sollten uns zu weiteren Überlegungen veranlassen. Es gibt auch unselige Traditionen zwischen Islam und Deutschland, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus. Aber in historischer Verantwortung sollte man sich die Fähigkeit zum differenzierten Denken bewahren.
Ich halte es deshalb auch für besonders wichtig, dass Filip Dewinter, als Führungsperson des Vlaams Belang, erst kürzlich das Gespräch in der Türkei mit identitären Gruppen dort gesucht hat. Es bedarf nicht großer Phantasie, dass eine identitäre Gruppe am Bosporus mehr Verständnis für die Anliegen des freiheitlichen Politikers hat, als dekadente Kreise in Mitteleuropa. Das ist die traurige Wahrheit, der wir uns heute stellen müssen, wenn wir neue Wege beschreiten wollen.
Es bedarf nicht selten des kategorischen Wortes, um eine verkrustete Struktur aufzubrechen. So sehe ich meine bisherigen Beiträge zu Politik und Kultur, die nicht selten zu Kontroversen geführt haben. Wenn wir wirklich Ordnung und Disziplin im preußischen Sinn wiederherstellen wollen, als Gegenbild zu Dekadenz und Gleichgültigkeit, dann sollten wir uns jedem Gedanken stellen, und keiner Diskussion ausweichen – auch oder vielleicht vor allem mit muslimischen Kreisen. Wann wird die islamkritische Szene diesen öffentlichen Dialog führen? Als bekennender Christ kann ich das und werde das tun. Und das bedeutet, dass ich gleichzeitig die Wahrheit bezeugen und mit meinem Gegner sprechen kann und muss. So, wie ich es immer etabliert habe: Liebe Freunde, liebe Feinde. Ich grüße Sie wieder aus Berlin.
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3 Gedanken zu “Neue Fragen neue Antworten

  1. Zu viel Glaube, zu wenig Realitätsbezogenheit. Preußische Tugenden sind gewiss nötig, sie sind aber leider ein Gegenstand über den man nur schwatzen will.

  2. Ein Weg in die richtige RIchtung: der Dekadenz die Stirn bieten und die echten Werte, für die auch Friedrich der Große stand, selbst leben!

  3. Pingback: Paukenschlag » Neue Fragen neue Antworten

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