„Aufklärung“ über den Dschihad

von Dr. Christoph Heger


In der „Welt“ vom 11. des Monats will Rüdiger Seesemann, Inhaber der „Heisenberg-Professur für Islamwissenschaft an der Universität Bayreuth“ darüber aufklären, „was der Islam wirklich unter ‚Dschihad‘ versteht“. Beim Lesen seines Beitrags fragt man sich, ob der Mann einfach nachlässig ist oder sich der „politischen Korrektheit“ unterwirft. So beginnt er gleich seine Argumentation (Seite 1 unten) mit einer Falschdarstellung, die man höchst wohlwollend gerade noch als groben Schnitzer werten kann:

„Grundsätzlich gilt, dass Gott das Töten verurteilt. In Sure 5, Vers 32 heißt es: Wenn jemand einen anderen Menschen töte, ohne dass dieser einen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet habe, so sei es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“

Ich habe schon in früheren Rundsendungen darauf hingewiesen, daß dieser Koranvers inhaltlich ein Zitat aus dem Talmud ist und sich einleitend ausdrücklich als Gebot für die Kinder Israels – und nicht für die Muslime – kennzeichnet. Was für die Muslime „göttliches Gebot“ ist gibt der ihm folgende Vers 33 an. Ich füge dazu noch einmal den einschlägigen Auszug aus einem Aufsatz des Saarbrücker Arabisten Gerd-Rüdiger Puin bei, der dankenswerterweise auf diese beliebte Täuschung im „Dialog“ mit dem Islam aufmerksam gemacht hat ( (http://www.imprimatur-trier.de/2014/Imprimatur-2014-06_6.pdf)).

In diesem Stil fährt der Heisenberg-Professor fort:

„In manchen Fällen gilt die Pflicht zum Kampf für alle waffenfähigen Männer, …“ „Im Falle eines Angriffs auf das ‚Gebiet des Islam‘ war es die individuelle Pflicht eines jeden Muslims, am Dschihad zur Verteidigung des islamischen Bestandes teilzunehmen.“ „In anderen Fällen genügt es, wenn einige aus der Gemeinschaft stellvertretend für andere den Kampf führen.“

So weit, so gut. Aber dann:

„In jedem Fall kann sich der Kampf aber nur gegen genau definierte Gegner richten und keinesfalls gegen Zivilisten.“

Tatsächlich dürfen nach erfolgreichem Dschihad nicht nur die besiegten Gegner je nach Lust und Laune ermordet, versklavt oder in Frieden gelassen werden, sondern auch deren Familien. Man denke zum Beispiel an den jahrhundertelangen Brauch der „Knabenlese“ (devşirme) im Osmanischen Reichs. Diese Rekrutierung von Kindern nicht-muslimischer, also christlicher oder jüdischer Untertanen als Sklaven des Sultans noch Jahrhunderte nach der türkischen Eroberung („Dschihād“) wurde islamrechtlich gerechtfertigt, indem man der Landbevölkerung eroberter Länder den Untermenschen-(„dhimmī“-)Status verweigerte und sie weiterhin als „ḥarbī“ („Kriegsgegner“) betrachtete.

Grotesk an der Wirklichkeit vorbei ist auch Rüdiger Seesemanns Behauptung:

„Zudem ist Dschihad stets an die Bedingung gebunden, dass er unter der Führung des Imam steht. Damit ist hier nicht der Vorbeter in der Moschee gemeint, sondern der oberste Befehlshaber aller Muslime.“

Da es den einen islamischen Staat unter der Führung des Imams praktisch nie gab, hat diese „Bedingung“ historisch keine Bedeutung. Es ist auch schwer einzusehen, wie sie Bedeutung haben sollte in den für den Islam bedrohlichen Lagen, in denen „die individuelle Pflicht eines jeden Muslims, am Dschihad zur Verteidigung des islamischen Bestandes teilzunehmen“ eintritt. Müßte der einzelne Muslim mit der Verteidigung warten, bis der eine islamische Staat unter seinem Imam hergestellt ist?

Immerhin verfällt der Heisenberg-Professor nicht auf die häufige Flunkerei, daß der Dschihad nur als Verteidigungskrieg gemeint sei:

„Es galt als Pflicht der Gemeinschaft, das islamische Territorium zu vergrößern.“

Dann aber kommt eine umso schlimmere Flunkerei:

„Damit ging jedoch keine kollektive Zwangskonversion der Bevölkerung in den eroberten Gebieten einher, …“

Tatsächlich kann – nicht muß – von den im Dschihad besiegten Völkern nur dem „Volk der [Heiligen] Schrift“ (ahl al-kitāb), also Juden, Christen, Sabiern, Zoroastriern, der Untermenschen-(dhimma-)Status angeboten werden, der ihnen Leben, Freiheit und Eigentum zusichert, nicht aber den Heiden. Die sind islamrechtlich vor die Wahl „Annahme des Islams oder Tod“ zu stellen – was zum Beispiel für die Hindus und Buddisten im muslimischen Indien galt (wenn das auch tatsächlich nicht immer zu vollziehen möglich war).

Als Kontrast zu der Darstellung, die Rüdiger Seesemann gibt, finden Sie in der Anlage auch den älteren Beitrag „Krieg um des Glaubens willen? Grundlagen und neuere Entwicklung der Anschauungen zum Dschihad im Islam“ von Rotraud Wielandt, Professorin für Islamkunde und Arabistik an der Universität Bamberg.

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